In der Jubiläumsausgabe zum 75. Jahrestag des Erscheinens des Spandauer Volksblattes hat der bekannte Spandauer Historiker Karl-Heinz Bannasch sachkundig über viele Aspekte der Geschichte des Verlagshauses berichtet. Verwirrung löste allerdings ein Satz am Ende seines Artikels aus. Dort stand wörtlich: „Bis 1997 war das Volksblatt im Besitz der SPD, danach wurde es veräußert.“
Dass dieser Satz veröffentlicht wurde, war ein Fehler, denn er ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern widerspricht auch allen anderen Berichten in der Jubiläumsausgabe. Dort wurde stets ausführlich auf die Rolle der Eigentümer – der Familie Lezinsky – Bezug genommen, die tatsächlich erst 1989, kurz vor dem Mauerfall, eine erste Tranche von 24,9 % der Gesellschaftsanteile an den Axel-Springer-Verlag veräußerte.
Leider war es in den Monaten nach der Veröffentlichung nicht möglich, ein Einvernehmen über die falsche Behauptung zu erzielen. Der Autor verwies immer wieder auf einen Artikel, den er zu diesem Thema geschrieben habe, sowie auf Hintergrundwissen. Von der Tatsache, dass in sämtlichen notariell beglaubigten Bilanzen und Geschäftsberichten – die im Archiv der Zitadelle in Spandau einzusehen sind – nur Mitglieder der Familie Lezinsky als Eigentümer (und somit auch als Besitzer) ausgewiesen wurden, ließ er sich nicht überzeugen.
Mir, dem Enkel des Gründers und Verlegers Erich Lezinsky, ist es wichtig, zusätzlich Klarheit zu schaffen. Mir war bekannt, dass es in den fünfziger Jahren, kurz vor und nach dem Tod meines Großvaters, erhebliche Auseinandersetzungen mit der Berliner SPD nach dem Auslaufen der ursprünglichen britischen Lizenz für die Herausgabe der Tageszeitung gab. Der Streit war so heftig, dass meine Großmutter, jahrzehntelang SPD-Mitglied, auch während der Verfolgung durch die Nazis, die Partei schließlich im Streit verließ.
Durch eine Internetrecherche wurde ich auf ein Konvolut von Akten im Britischen Nationalarchiv in Kew in Großbritannien aufmerksam. Dieses wurde für und mithilfe des Spandauer stadtgeschichtlichen Archivs erworben. Das zeitgeschichtlich sehr spannende Dokument haben wir auf der Webseite des Verlagsservice Lezinsky eingestellt. (https://verlagsservice-lezinsky.de/wir-ueber-uns/historie/1952-akte-ueber-den-verbleib-der-lizenz-des-spandauer-volksblatts-bei-der-familie-lezinsky/)
Wer sich die Mühe macht, sich durch die 174 Seiten in bestem Verwaltungsenglisch und die Schriftstücke in Deutsch zu arbeiten, taucht ein in die untergegangene Welt Berlins der frühen fünfziger Jahre, insbesondere in die täglichen Abläufe der Militärregierung im britschen Sektor und in die damalige Pressegeschichte. Dabei werden viele andere Ereignisse der Zeit gestreift. Das Ganze spielt kurz vor der Übergabe der publizistischen Verantwortung in deutsche Hände. In diesem Kontext gewinnt man manchmal den Eindruck, dass die beteiligten britischen Verwaltungsoffiziere die Auseinandersetzung um die Lizenz als etwas anachronistisch betrachten.
Bevor sich die Westalliierten jedoch aus der Kontrolle des deutschen Pressewesens zurückzogen, war es Anfang 1952 notwendig geworden, die 1946 erteilte Lizenz für die Herausgabe der Tageszeitung in Spandau zu erneuern. Das Spandauer Volksblatt war (so eine Aussasge in einem Dokument) bereits am 27. Februar 1946 lizenziert worden. Auf der Urkunde wird aber der 1. März als offizieller Termin angegeben. (Die erste Ausgabe erschien dann am 5.3.1946). Damit war die Zeitung zwar nach dem „Tagesspiegel“ (im amerikanischen Sektor), aber noch vor dem „Telegraf“, dem „Mittags-Echo“, dem „Tag“ und dem „Sozialdemokrat“ genehmigt worden. Erich Lezinsky war zu diesem Zeitpunkt schon schwer erkrankt und hatte um eine Neuregelung gebeten und u.a. seinen Sohn Kurt vorgeschlagen. Wohl auch, weil die SPD seit 1950 Ansprüche am Zeitungstitel und am Verlag angemeldet hatten. Nun begann sich die Amtsmühle zu drehen.
Die Briten versuchten einerseits, sich mit meinem Großvater ins Einvernehmen zu setzen, und prüften gleichzeitig, ob weitere Lizenznehmer vorgesehen werden könnten, um die journalistische Unabhängigkeit der Zeitung zu garantieren. Gleichzeitig bekam die SPD in Berlin Wind von der Angelegenheit und erneuerte ihre Ansprüche. Ihre Position: Man habe Erich Lezinsky, einen verdienten alten Sozialdemokraten, Stadtverordneten und politisch Verfolgten, 1946 als eine Art Platzhalter für den eigentlich der SPD gehörenden Zeitungstitel (also das „Volksblatt“, vor 1933 die Parteizeitung, bei der auch Erich Lezinsky gearbeitet hatte) vorgeschlagen, da die Westalliierten damals nicht noch eine Parteizeitung lizenzieren wollten.
Das sah Erich Lezinsky – zusammen mit seiner Ehefrau Margarete und seinem Sohn Kurt – anders. Aus ihrer Sicht hatte man nicht das alte SPD-Volksblatt weitergeführt, sondern eine neue Zeitung in einem neuen Verlag (Erich Lezinsky Verlag und Buchdruckerei GmbH) gegründet. Die Geschäftsräume beispielsweise befanden sich in den ehemaligen Räumen des Verlags des bürgerlichen Verlegers Erich Stückrath und der alten Spandauer Zeitung (Neuendorder Straße 101 am Hafenplatz/Wröhmännerpark) und nicht in den Räumen der ehemaligen SPD Zeitung in der Seegefelder Straße. Stückrath hatte von den Briten nach 1945 keine Lizenz erhalten bzw. sich nicht darum bemüht.
Erich Lezinsky hatte sich vertraglich mit Stückrath auf Kauf und Übernahme großer Teile der technischen Ausstattung geeinigt (Listen liegen im Stadtarchiv) und im Laufe der Jahre erhebliche Finanzmittel organisiert, um den Erich-Lezinsky-Verlag auf eigene Beine zu stellen. In der britischen Aktensammlung werden auch die Rückzahlungen der Kredite, die teilweise die SPD Berlin gegeben hatte, penibel aufgelistet. Mit der ausführlichen Dokumentation wollte mein Großvater offensichtlich seine Unabhängigkeit von der SPD als Journalist und Verleger belegen, ohne sich von der SPD abzuwenden, der er fast sein ganzes Leben lang angehört und ihr auch beruflich viel zu verdanken hatte. Im neuen Zeitungsnamen „Spandauer Volksblatt“ hatte Erich Lezinsky die beiden Traditionen (Spandauer Zeitung UND Volksblatt bewusst zusammenfügen wollen, um einen publizistischen Neuanfang nach Diktatur und Krieg zu verdeutlichen. In mehreren Beiträgen und Schriftstücken seit 1946 hatte er immer wieder die politische Unabhängigkeit der Zeitung betont.
Die Briten vermuteten früh, dass die Sozialdemokraten versuchten, über die geforderte Einbindung von Parteimitgliedern in die Lizenz Einfluss auf die Redaktion und den Betrieb zu gewinnen. Man darf auch nicht vergessen, dass die meisten Zeitungen in den Jahren nach dem Krieg wirtschaftlich gesehen eine Goldgrube waren.
Sie wollten es sich jedoch weder mit der Familie Lezinsky noch mit der SPD verscherzen. Man wünschte nicht noch eine Parteizeitung (die im Übrigen schon bald wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast waren), schätzten aber auch keinen Streit mit der damals wichtigsten politischen Partei in Berlin. Deshalb wurden in den Monaten ab Mitte Januar immer wieder neue Konstellationen für die möglichen Lizenznehmer diskutiert: So z.B. die Einbindung des Journalisten Emil Schröder (Publizist, Journalist, SPD-Mitglied und Wunschkandidat der Partei und Alphons Schöpflin. Der war ebenfalls ein alter Sozialdemokrat, Vertrauter von Erich Lezinsky und Chefredakteur nach dessen Tod.
Erich Lezinsky selbst brachte seinen Sohn Kurt, meinen Vater, ins Gespräch. Davon waren die Briten nicht begeistert, weil sie ihn zwar für einen netten Kerl, aber journalistisch nicht für kompetent hielten. Er war von Beruf Werkzeugmacher. „Außerdem,“ so ein Eintrag etwas süffisant, sei ihm „die sehr hübsche junge Frau davongelaufen.“ (Eine Episode, auf die meine Mutter, die spätere Zeitungsverlegerin, die sich später wieder mit meinem Vater versöhnt hat, ungern angesprochen wurde. Damals jedenfalls ein echter Skandal in Spandau.) Allerdings nahm mein Vater gleichwohl engagiert Anteil an den Auseinandersetzungen.
Gleichzeitig argumentierte die Familie Lezinsky, insbesondere der Verleger immer wieder, dass die Lizenz 1946 bewusst an ihn als Einzelperson und nicht als Vertreter einer Partei gegeben worden sei. In der ursprünglichen Zeitungsredaktion waren auch Vertreter aller damals wichtigen politischen Richtungen vertreten: Liberale, Konservative, Sozialdemokraten und Kommunisten.
Leider habe ich bisher keine Dokumente der britischen Militärregierung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit finden können, aus denen hervorgeht, warum und wann genau die Briten sich für Erich Lezinsky entschieden haben. Ich weiß nur aus anderen Veröffentlichungen, dass die Bewerbung für ihn qualvoll lange gedauert hatte. Auch der britische Presseoffizier George Turner, der den ganzen Vorgang monatelang akribisch bearbeitet hat, musste feststellen, dass offenbar zu Beginn der Blockade 1948 massenhaft Dokumente aus der unmittelbaren Nachkriegszeit nach England geschafft worden waren. Vermutlich um zu verhindern, dass sie möglicherweise den Sowjets in die Hände fallen. Daher tapste auch er einige Male auf der Suche nach Hintergründen im Dunkeln.
Ein britischer Fachmann, Christopher Knowles, dessen Vater nach dem Krieg in der Alliierten Kontrollkommission in Deutschland tätig war, schrieb mir dazu, dass die Lizenzunterlagen für die verschiedenen Berliner Tageszeitungen wahrscheinlich alle in einem allgemeinen Aktenvorgang zusammengefasst wurden und irgendwo in Kew ihrer Entdeckung entgegenharren. Wer forschen möchte…. https://www.nationalarchives.gov.uk/
Mit dem plötzlichen Tod von Erich Lezinsky am 6. März 1952 („Man roch erst die Zigarre, dann kam sie und mit ihr der Verleger um die Ecke“) trat eine neue Situation ein. Trotz aller Anteilnahme (auf der Beerdigung sprach der Pfarrer und spätere Regierende Bürgermeister von der SPD Heinrich Albertz, schrieb der Vorstand der Berliner SPD zeitnah an die Briten und erinnerte daran, dass Erich Lezinsky 1946 von der SPD als Lizenznehmer vorgeschlagen worden sei und man dies nun wieder in Anspruch nehmen wolle. Außerdem sei das Vorkriegs Spandauer Volksblatt eine SPD-Zeitung gewesen.
Anmerkung: Bis 1933 gab es nur das Volksblatt und die Spandauer Zeitung, nie ein Spandauer Volksblatt.
Nun flogen die Fetzen: Kurt Lezinsky drohte mit wirtschaftlichen Konsequenzen für einen Verlag und die Mitarbeiter ohne die Tageszeitung. Und über den neuen Chefredakteur Alfons Schöpflin schrieb G. Turner britisch nüchtern: „Er wird wie eine Furie kämpfen, um sein Pfund Fleisch abzubekommen. Er ist fähig aus der Intervention der SPD einen öffentlichen Skandal zu machen… und wahrscheinlich würde er in Spandau auch einige Unterstützung bekommen.“ Stellungnahmen im Spandauer Volksblatt, in SPD-Zeitungen und Leserbriefgefechte sind dokumentiert. Turner stellte fest: Die Sache muss bald geklärt werden, zumal es kurz vorher ähnliche Auseinandersetzungen um Ullstein und die Morgenpost gegeben hatte.
Am 10. März schlug die SPD dann u.a. meine Großmutter Margarte, Emil Schröder und den Spandauer Bürgermeister Karl Schilling als vorläufige Lizenznehmer vor. Die Briten drohten teilweise den Überblick zu verlieren, weil sie alle Genannten auch immer erst selbst ansprechen wollten. Turner erteilte eine strikt vorläufige Lizenz. Wohl um Zeit zu gewinnen.
Ich konnte in den Dokumenten keinen genauen Termin finden, aber plötzlich wurde die Lizenz von den Briten exklusiv auf meine Großmutter Margarete Lezinsky ausgestellt. Die SPD hatte diese zwar auch vorgeschlagen (10. März), aber offenbar nur, um Alphons Schöpflin zu verhindern und als eher unrealistische Variante. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle in die diversen Seilschaften und Ränke einzutauchen, die sich bei der Lektüre der Texte erschließen. In einem kurzen Memorandum vom 19.5.1952 gibt es eine erste Notiz, dass der „Deputy“ in Berlin (der Stadtkommandant, wie sich später herausstellt) den Vorschlag nur „Frau Lezinsky“ bevorzugen würde. Sonderbarerweise findet sich später aber keine offizielle Ernennung oder ein formales Dokument dazu. Auch in den Familienbeständen tauchte dies nie auf.
Obwohl Margarete Lezinsky jahrzehntelang Parteimitglied war und dafür in der Nazizeit auch manches Opfer gebracht hatte, erregte die exklusive Ausstellung der Lizenz auf ihren Namen bei der SPD und in ihrem Umfeld heftig die Gemüter. Dies, obwohl die Briten dachten, dass sie ein für alle vertretbarer Kompromisskandidat sei. Ein prominenter SPD-Vertreter beklagte bitter, „dass eine Hausfrau ohne journalistische Erfahrung plötzlich zur Herausgeberin gemacht worden sei“. Die Briten hielten dagegen, dass auch andere Zeitungen in Westdeutschland an Nicht-Journalisten lizenziert worden seien.
In den Streit schalteten sich auch SPD-nahe Organisationen wie zum Beispiel der Berliner Presseverband ein. Nicht genug. Die Angelegenheit zog noch weitere Kreise: Ein Abgeordneter der SPD beklagte sich bei der Schwesterpartei der SPD, der Labour Party in Großbritannien über das Vorgehen der britischen Militärregierung. Sogar auf dem Tisch des konservativen britischen Außenministers Anthony Eden landete der Vorgang. Der Labour Abgeordnete und ehemalige Minister für Deutschland und Österreich John Burns Hynd schrieb am 20.5. einen ausgiebigen Brief an Eden, der wiederum Erkundigungen nach sich zog. Die Beamten in Berlin und in Wahnerheide (Sitz der britischen Militärregierung in Deutschland) mussten umfangreiche Dokumentationen über den Vorgang anfertigen und ihre Entscheidung für Frau Lezinsky rechtfertigen.
Das solche hohen Kreise wegen einer Lokalzeitung eingeschaltet wurden, zeigt einmal mehr welch große Bedeutung London der Entwicklung der freien Presse im Prozess der Demokratisierung Deutschlands zuwies. Zahlreiche Namen aus der Aktensammlung findet man auf Wikipedia. Aus manch einem der Beteiligten ist später ein bedeutender Diplomat, hoher Beamter oder Politiker geworden. Und auf deutscher Seite taucht fast jeder bekannte Name der damaligen Berliner SPD in den Papieren auf.
Allerdings konnten die verschiedenen Argumente der SPD-Vertreter die Briten nie wirklich überzeugen. So hatte sich die SPD zum Beispiel ab 1946 niemals gegen die Verwendung des klassischen SPD-Zeitungstitels „Volksblatt“ als Namensbestandteil in Spandau gewehrt, obwohl das Spandauer Volksblatt seit 1946 eben keine Parteizeitung war. Und außerdem wurde zu keinem Zeitpunkt von den Sozialdemokraten ernsthaft angezweifelt, dass die GmbH Erich Lezinsky gehöre. „Man hätte sich halt früher darum bemühen müssen“ schreibt ein Brite an einer Stelle.
Gleichzeitig fürchteten die Briten – nicht ganz unbegründet –, dass das Spandauer Volksblatt nun zu einem Kampfblatt gegen die SPD werden könne. Das wollten sie vermeiden. Tatsächlich hatte Erich Lezinsky die eigene Partei in redaktionellen Beiträgen auch gelegentlich kritisiert.
Als es nach seinem Tod und der Vergabe der Lizenz an seine Frau sogar Aufrufe gab, das Spandauer Volksblatt abzubestellen und stattdessen den SPD-Telegraf zu abonnieren, platzte meiner Großmutter der Kragen. Nach fast 40 Jahren Mitgliedschaft trat sie am 1. Oktober 1952 aus der Partei aus und blieb für den Rest ihres Lebens parteilos. Sie verstarb 1967 kurz nach ihrem Sohn Kurt. Meine Mutter, die Verlegerin Ingrid Below-Lezinsky, erzählte mir Jahrzehnte später (und mein älterer Bruder Rainer bezeugt das), dass sie ihre Schwiegermutter vor Anrufen einiger besonders streitbarer Sozialdemokraten gewarnt habe. „Wenn Löbelchen anruft, gleich auflegen!“ Gemeint war der bedeutende SPD-Politiker Paul Löbe (Paul Löbe Haus im Parlamentsviertel), der ebenfalls Lizenznehmer war, aber eben für den sozialdemokratischen „Telegraf“.
Aus, den Akten (9. Oktober und 4. November) erschließt sich dann allerdings, dass tatsächlich der damalige britische Stadtkommandant in Berlin aus eigener Machtbefugnis heraus die Lizenz übertragen hatte. Es dürfte sich um Generalmajor Charles Coleman (1903–1974) gehandelt haben.,
In einem Memorandum des Außenministeriums für die Führungsebene heißt es an der entscheidenden Stelle: „Der britische Kommandant in Berlin hat berücksichtigt, dass Frau Lezinsky sich im Besitz der ganzen Druck- und Verlagstechnik des Spandauer Volksblatt befand. Einer Zeitung, die eine nützliche Rolle im Berliner Leben spielt und das im öffentlichen Interesse auch weiter tun solle. Es hätte auch keinen Sinn gemacht die Lizenz zusätzlich an jemanden zu vergeben, mit dem Frau Lezinsky nicht zusammenarbeiten würde. Und ein solcher Lizenznehmer hätte zwar eine Lizenz besessen, aber keine Möglichkeit eine Zeitung zu veröffentlichen. Und nachdem Frau Lezinsky versichert hatte, die Zeitung im Sinne Ihres verstorbenen Ehemanns weiterzuführen, habe man sich ausschließlich für sie entschieden.“
Es ist nicht belegt, aber ich mag mir aber ausmalen, dass meine sehr resolute Großmutter („Oma Muttchen“) mit ihrem sehr direkten Berliner Charme den britischen Kommandanten bei Kaffee und Kuchen für sich eingenommen hat. Die fleißigen und loyalen Offiziere in der Berliner Militärverwaltung waren dann monatelang damit beschäftigt, in ausführlichen Memoranden und mit sorgfältiger Argumentation ihrem Chef den Rücken freizuhalten. Denn aus London drohte Ungemach.
Das Konvolut, das aus vielen alten Fotokopien, klassischen Amtsbriefen, Memoranden, Durchschlägen mit zahllosen Verweisen an viele Empfänger besteht, endet am 31. Dezember 1952. Es schließt mit ein paar jovialen Sätzen und verweist auf die Sonderausgabe zur Nr. 2000 des Spandauer Volksblatt. In dieser hatte der verantwortlichen Senior Information Officer George Turner ein Grußwort der Militärregierung beigesteuert. Damit „seien dann hoffentlich die intensiven und unerfreulichen Streitereien der letzten Monate beendet“. Das Grußwort ist beigefügt und in der gleichen Ausgabe gab es neben zahllosen anderen Gratulationsnoten aller Parteien und gesellschaftlicher Gruppen auch solche von Ernst Reuter, Otto Suhr und weiteren SPD-Vertretern
Es war der später bundesweit bekannten Chefredakteur Hans Höpner (dessen Talent Alfons Schöpflin entdeckt und ihn förderte) der in den sechziger Jahren das Verhältnis zur SPD weiter entkrampfte. „Sein“ Spandauer Volksblatt war dann auch die erste deutsche Tageszeitung – so heißt es jedenfalls immer wieder – die im Rahmen der neuen Ostpolitik pragmatisch die Anführungszeichen bei der Abkürzung DDR fortließ und Willy Brand früh publizistisch unterstützte. Auch in der Familie Lezinsky gab es später keine Aversionen mehr. Als Lokalverleger pflegte man – bis zur schrittweisen Veräußerung an den Axel Springer Verlag – mit allen demokratischen Parteien in Spandau einen guten Umgang. Und das gilt auch heute noch für den Verlagsservice Lezinsky.
Es tauchte allerdings in den Jahren nach dem Verkauf der Gesellschaft und der Zeitung an den Axel Springer Verlag immer wieder das Gerücht auf, dass die Axel Springer AG mit alten Forderungen der SPD-Wirtschaftsgesellschaft „Konzentration“ konfrontiert worden sei und dann doch eine beachtliche Abfindung an die SPD gezahlt habe. Dies konnten durch diverse Nachfragen meinerseits in den Archiven der Friedrich Ebert Stiftung noch bei Ullstein oder Springer nicht erhärtet werden. Sollte an diesen Gerüchten etwas dran sein, dann würde das noch einmal ein ganz anderes Licht auf den Vorgang werfen.
Ob Erich Lezinsky von der SPD tatsächlich ursprünglich, als ein Strohmann vorgeschlagen wurde, der ihr einen späteren Zugriff auf den Verlag ermöglichen sollte und der sich dann selbständig machte, bleibt also ungeklärt. Das dürfte jeder Beteiligte unterschiedlich wahrgenommen haben. Einige Texte und Briefe Lezinskys, die seinen ursprünglichen Kampf um die Lizenz dokumentieren, sprechen dagegen.
Olaf Lezinsky
27.2.2026
Die ist eine journalistische Aufarbeitung eines historischen Aktenbestands. Um der besseren Lesbarkeit wurden manche Ereignisse zusammengefasst. Trotz aller Sorgfalt sind kleine Ungenauigkeiten nicht auszuschließen, zumal die originalen Akten oft nicht leicht zu lesen sind. Eine echte Aufarbeitung durch ausgebildete Historiker steht aus. Ich danke meinen Freunden aus der britischen Armee, die mich in den frühen neunziger Jahren zum Ehrenmitglied der ehemaligen Offiziersmesse York House in Hakenfelde gemacht haben. Dieser Zeit verdanke ich einen guten Einblick in das Wesen des britischen Militärs und seiner effektiven Verwaltung.

